Fallstudie: Claudia und Jens

Fallbeispiel: „Ich habe das Gefühl, ich komme immer erst an zweiter Stelle.“

Thema: Patchwork & Loyalitätskonflikte

Ausgangssituation

Claudia (42) und Jens (45) sind seit drei Jahren ein Paar.

Beide bringen Kinder aus früheren Beziehungen mit. Sie leben nicht dauerhaft zusammen, verbringen aber viele Wochenenden als „Großfamilie“.

Was sie verbindet: große Zuneigung und der Wunsch nach einer stabilen Partnerschaft.
Was sie trennt: unterschwellige Spannungen rund um die Kinder.

Claudias Satz im Erstgespräch:
„Ich habe oft das Gefühl, seine Kinder stehen über allem – auch über uns.“

Jens’ Satz:
„Ich kann doch meine Kinder nicht zurückstellen. Ich stehe sowieso schon zwischen allen Stühlen.“

Die unsichtbare Spannung

In der Arbeit wurde deutlich:

Claudia fühlt sich außen vor, wenn Jens Entscheidungen spontan zugunsten seiner Kinder trifft.

Jens reagiert empfindlich, sobald er Kritik im Zusammenhang mit seinen Kindern wahrnimmt.

Gespräche eskalieren schnell – nicht wegen der Kinder selbst, sondern wegen der Bedeutung dahinter.

Claudias innerer Konflikt:
„Wenn ich etwas sage, bin ich die böse Stiefmutter.“

Jens’ innerer Konflikt:
„Wenn ich sie unterstütze, verrate ich meine Kinder.“

Beide erleben Loyalitätsdruck – jedoch aus unterschiedlichen Richtungen.

Die Dynamik dahinter

Wir arbeiteten das zentrale Muster heraus:

Unsicherheit → Rückzug oder Vorwurf → Verteidigung → Schuldgefühle → Distanz

Jens fühlt sich schnell angegriffen und verteidigt seine Vaterrolle.
Claudia fühlt sich dadurch nicht priorisiert – und zweifelt an ihrem Platz in der Beziehung.

Nicht fehlende Liebe war das Problem, sondern ungeklärte Rollen und unausgesprochene Erwartungen.

Unser gemeinsamer Prozess

1. Rollenklärung am Flipchart

Wir trennten bewusst drei Ebenen:

  • – Paarebene
  • – Elternebene
  • – Ex-Partner-Ebene

Zum ersten Mal wurde sichtbar:
Nicht alles gehört auf dieselbe Beziehungsebene.

Der Satz, der viel veränderte:
„Wir müssen uns als Paar stabilisieren – sonst tragen die Kinder unsere Unsicherheit mit.“

2. Loyalitätskonflikte entlasten

Beide formulierten ihre größten Ängste:

Jens:
„Ich habe Angst, meine Kinder könnten denken, ich ersetze ihre Mutter.“

Claudia:
„Ich habe Angst, ich bleibe immer Gast in deinem Leben.“

Als diese Sätze ausgesprochen wurden, wich spürbar Spannung aus dem Raum.

3. Neue Vereinbarungen

Wir entwickelten konkrete Strukturen:

  • – Feste Paarzeit ohne Kinder
  • – Klare Absprachen, wer wann entscheidet
  • – Wertschätzende Kommunikation über Ex-Partner
  • – Bewusstes „Wir-Gefühl“ als Paar – unabhängig von der Elternrolle

Claudia lernte, Bedürfnisse ohne indirekte Kritik zu äußern.
Jens lernte, sie emotional zu priorisieren, ohne seine Vaterrolle infrage zu stellen.

Ergebnis

Nach einigen Sitzungen:

  • – Mehr Sicherheit in den Rollen
  • – Weniger Schuldgefühle
  • – Offene Gespräche über Unsicherheiten
  • – Stärkere Paarebene

Claudia sagte:
„Ich fühle mich nicht mehr wie die Konkurrenz.“

Jens sagte:
„Ich darf Vater sein – und trotzdem Partner.“

Fazit

Patchwork-Beziehungen scheitern selten an mangelnder Liebe.
Sie scheitern oft an unausgesprochenen Loyalitätskonflikten und fehlender Rollenklärung.

Wenn Paare lernen, zwischen Eltern- und Paarebene zu unterscheiden, entsteht Entlastung – und echte Verbindung.

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